KAPITEL 1
Kapitel 1 – Die Nacht der zwölf Lichter
Es war der letzte Abend im Oktober. Der Herbst hatte das kleine Dorf Nebelgrund in ein Meer aus Gold, Rot und Braun verwandelt. Ein kühler Wind strich durch die schmalen Gassen, wirbelte das Laub über das alte Kopfsteinpflaster und ließ die hölzernen Fensterläden der Fachwerkhäuser leise klappern. Über den Dächern hing ein großer, silberner Mond. Irgendwo, weit hinter den letzten Häusern, krächzte ein Rabe. Es war Halloween. Und in Nebelgrund bedeutete Halloween etwas ganz Besonderes. Jedes Jahr stellten die Dorfbewohner genau zwölf geschnitzte Kürbislaternen entlang des alten Weges zum Wald auf. Zwölf. Keine mehr und keine weniger. Niemand wusste mehr genau, woher dieser merkwürdige Brauch stammte. Die ältesten Bewohner erzählten manchmal, dass die zwölf Lichter vor langer Zeit aufgestellt worden waren, um etwas Unheimliches aus dem Dorf fernzuhalten. Andere behaupteten, die Laternen sollten einem verlorenen Menschen den Weg nach Hause zeigen. Doch sobald die Kinder genauer nachfragten, wurden die Erwachsenen still. Als hätten sie Angst, etwas auszusprechen, das besser verborgen bleiben sollte. Auch die elfjährige Emilia kannte diese Geschichten. Sie hatte lange kastanienbraune Haare, große grüne Augen und eine Neugier, …

Deine Buchbewertung
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.